The Cube • Washingtonplatz, Berlin
Neubau Axel-Springer-Verlag • Berlin
Thyssen-Krupp • Essen

Spiegelnde Transparenz

Beinahe ein Sakrileg nahezulegen, Berlin könnte "langweilig" sein. Aber aus fotografischer Sicht? Man wird den Eindruck nicht los, hier wurde immer schon seriell produziert. Und stets in die Fläche. Umbrüche, die sich in Neubauten niedergeschlagen haben, und das mit dem Berliner Multiplikator, also ohne jede Bezugnahme auf mittelalterliche Maße. Große Fluchtpunktperspektiven ohne Ende. ("Vor uns öffnen sich die unendlichen Weiten der Stalinallee").
Auf die Dauer ist die Wiederholung etwas eintönig, egal ob es die zehntausend Fassadenkilometer Klassizismus sind oder das, was Wiederaufbau und Nachwendezeit hinterlassen haben.
Etwas, das man immer wieder neu sehen kann? Lange nicht gesehen!
Eine Überraschung ist "The Cube", unmittelbar zwischen Hauptbahnhof und Spree gelegen. Man glaubte schon zu ahnen, wie es mit der "Europa-City" rund um den Hauptbahnhof weitergehen würde. Eine Art Berliner "Ringstraße" mit noch mehr Stäbchen-Fassaden. Was will man da fotografieren?
Doch jetzt steht auf einmal im Wald der Natursteinfassaden ein glitzerndes Unikum. Mit hemmungslos spiegelnden Dreiecken fast ohne Transparenz, die Sichtbezüge werden fragmentiert in alle Richtungen zurückgeworfen. – Wie alt die 90er geworden sind!

Spiegelnde Fassaden rangieren gemeinhin auf demselben Niveau wie "Hochglanzbroschüren", sind irgendwie dem Vorwurf der Täuschungsabsicht ausgesetzt. Das soll mit Glas, wenn es transparent genutzt ist, ganz anders sein, denn es gewährt Einblicke. Im Bild jedenfalls ist es mit der Transparenz so eine Sache, weil das Wechselspiel von innen und außen mit enormen Helligkeitsunterschieden verbunden ist und sich das Glas eben nur durch Spiegelungen verrät.
Am Potsdamer Platz (Fertigstellung 1998) lassen sich manche Glasfassaden öffnen und geben den Blick auf die dahinterliegende Ebene frei, das Gebäude B1 erscheint in wechselndem Licht aber auch als spitze Nadel, die den Himmel scharfkantig auf den Boden stellt. Der neue Springer-Komplex (2020) schneidet monumentale Muster in einen asymmetrischen Kubus, der scheinbar einen Schaum aus weiteren Glasperlen zusammenhält. Die Thyssen-Krupp-Zentrale in Essen geht (2010) mit Geometrie und Transparenz rein rechtwinklig und viel filigraner um.

Gebäude B1 • Potsdamer Platz
Hauptbahnhof Berlin
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